Am 08. Mai 2009 wollen wir an den 08. Mai 1945 erinnern. An diesem Tag kapitulierte Nazi-Deutschland vor den Alliierten. Wenn wir heute, am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus, den Opfern der deutschen Vernichtung gedenken, wollen wir auch auf die TäterInnengesellschaft hinweisen, die die Vernichtung ermöglichte und durchführte. Im Jahr 1932, dass heißt ein Jahr bevor die Nazis die Republik zerstörten, wählten die Oldenburger_innen die Nazis an die Macht. Das ist eine viel zu unbekannte Tatsache, die in der Geschichtsschreibung der Stadt keine Rolle spielt.

In der Nacht vom 2. auf den 3. März 1933 ermordete ein Trupp der „Sturmabteilung“ den Landtagsabgeordneten der „Kommunistischen Partei Deutschland“; die Täter kamen bereits wenige Tage später wieder frei. Lediglich der Haupttäter wurde nach 1945 wegen „Todschlags“ und nicht wegen der Begehung eines Mordes verurteilt. Die Beerdigung des Landtagsabgeordneten, Johann Gerdes, wurde zur letzten antifaschistischen Manifestation in Oldenburg. Etwa 800 Menschen begleiteten den Sarg. Am Grab prügelte die Polizei auf die Demonstrant_innen ein.
Während dessen traten die Mitarbeiter_innen der städtischen Institutionen in Scharen in die Nazipartei ein. Die evangelische Landeskirche begrüßte die so genannte „Nationale Revolution“ und warnte vor den angeblichen Gefahren des Kommunismus. Die vielen Sportvereine und kulturellen Zusammenschlüsse der Stadt wollten dem nicht nachstehen: Die FunktionärInnen wurden, wenn sie noch kein Mitglied waren, Mitglieder der Nazipartei; auf diese Art und Weise wurden die Vereine, wenn sie es noch nicht waren, zu reinen Nazi-Organisationen für die Oldenburger_innen, die das bekamen, was sie in der Mehrheit gewählt und damit gewollt hatten.
Die Mehrheit der Oldenburger_innen entwickelte, genauso wie die Mehrheit der Deutschen, keinen Widerstand. So mussten kaum Beamt_innen ausgetauscht werden, weil diese auch unter einer Naziregierung alles taten, was ihnen befohlen wurde. Die Mehrheit der Oldenburger_innen bildeten die jubelnde Kulisse, beteiligte sich an Nazi-Aufmärschen oder den Prügeltrupps der SA.

Bei Bedarf bildeten Menschen aus ihren Reihen das Erschiessungskommando oder den Mob, der die Synagoge entzündete. Sie profitierten aber auch von Zwangsarbeiter_innen, die nach Oldenburg gebracht wurden: Kaum ein Mensch weiß, dass beispielsweise die Firma Carl Wihelm Meyer Zwangsarbeiter_innen ausbeutete. Kaum ein Mensch weiß, dass 1936 durch den „Umgehungsstraßenbau“ die Grundlage des heutigen Oldenburger Autobahnringes gelegt wurde. Die Versklavung und Ausbeutung von Menschen aus den besetzten Ländern in der deutschen Kriegswirtschaft gehört zur Geschichte dieser Stadt, auch wenn sich kaum ein Mensch erinnern will. Alleine in Oldenburg hat es mindestens 49 Lager für Zwangsarbeiter_innen gegeben: Mindestens 12.000 Zwangsarbeiter_innen wurden in Oldenburg unter sklavenhaften Bedingungen gehalten. Mitten in der Stadt entstanden Lager: Beispielsweise auf den Dobbenwiesen.
55 Todesurteile wurden im Oldenburger Land von der zivilen Justiz während des Nationalsozialismus ausgesprochen: Die lokale Presse berichtete ebenso regelmäßig, wie über Konzentrationslager und die „Anstalt“ in Wehnen: Dort wurden so genannte „Behinderte“ sterilisiert und oftmals „vernichtet“. Etwa 1500 Patient_innen wurden ermordet.
Während dessen begannen die Oldenburger_innen ihre jüdischen Mitmenschen zu vertreiben. Das Eigentum wurde „arisiert“: Die ganz „normalen“ BürgerInnen und Institutionen bereicherten sich durch Geschäftsübernahmen und Möbelverteilungen, durch Grundstückserwerbungen zu Spottpreisen oder auch durch direkte Plünderungen. Im November 1938 wurde auch in Oldenburg die Synagoge zerstört. Danach trieben die Antisemit_innen nahezu alle männlichen Juden der Stadt durch die Straßen zum Gefängnis, während die Bürger_innen diesen Marsch mit Beifall begrüßten. Die Opfer wurden ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. 1940 mussten die letzten Jüdinnen und Juden Oldenburg verlassen. Die Gemeinde wurde aus dem Vereinsregister gelöscht. Nichts sollte mehr an jüdisches Leben in Oldenburg erinnern. Wie Millionen andere, wurde die Mehrheit der Oldenburger Jüdinnen und Juden, in den Konzentrationslagern vernichtet. Nur eine Minderheit überlebte. Von denen, die der Vernichtung entronnen waren, ließ sich nur die wenigsten Jüdinnen und Juden wieder in Oldenburg nieder; die meisten emigrierten in den neu geschaffenen Staat Israel. Erst seit dem 6. August 1992 existiert wieder eine jüdische Gemeinde in Oldenburg.
Die Vergangenheit der TäterInnengesellschaft ist äußerst unzureichend aufgearbeitet worden. Die Mehrheit will von nichts gewusst haben. Die Verbrechen der Deutschen und spezifisch der Oldenburger_innen spielen in der Geschichtsschreibung unserer Stadt kaum eine Rolle. Wir wollen und werden diesen Zustand nicht hinnehmen: Daher gedenken wir allen Opfern des Nationalsozialismus: Wir denken an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die in den Konzentrationslagern vernichtet wurden. Wir gedenken den Sinti und Roma, die in den Lagern ermordet wurden. Wir gedenken den so genannten „Asozialen“, die Vernichtet wurden. Wir gedenken den Homosexuellen, die in Lager eingewiesen und ermordet wurden. Wir gedenken den Zwangsarbeiter_innen. Ihr seid nicht vergessen!

Wir gedenken auch den Antifaschist_innen, die sich gegen die Nazis wehrten. Wir gedenken den zahlreichen Kommunist_innen und Anarchist_innen, die für eine bessere Welt kämpften. Wir gedenken den Partisan_inen und den Soldat_innen der Alliierten Befreier_innen. Euer Kampf ist nicht vergessen! Wir erinnern an den Schwur von Buchenwald: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“