„Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei,
ist die allererste an Erziehung“
Theodor W. Adorno (1).

Mal wieder wollen NationalsozialistInnen in dieser Stadt marschieren. Mal wieder wollen sie ihre
Vernichtungsphantasien bewerben und den deutschen Mob mobilisieren.
Die Nazis fordern diesmal die „Todesstrafe für Kinderschänder“ und versuchen auf diese Weise an weit verbreitete Meinungen anzuknüpfen. Bereits in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts befürworteten mehr als 64 % der Deutschen die „Todesstrafe für Schwerverbrecher“; auch heute ist die Forderung nach staatlich-organisiertem Mord und Totschlag weit verbreitet. Alleine sind die Nazis daher mit ihren menschenverachten den Positionen bei weitem nicht. Nicht nur die „NPD“ fordert die Todesstrafe, sondern auch der empörte deutsche Mob. Dieser sieht, anlässlich grausamer Verbrechen, oftmals nur eine „Lösung“: „Todesstrafe“. Doch nicht nur der Ruf nach Vernichtung, in Form der „Todesstrafe“, eint viele Deutsche aus verschiedenen politischen Spektren, sondern auch die biologisierende Verklärung der Welt. Es ist der perfde Gedanke, dass nicht nur Individuen, sondern auch Gesellschaften in „gesunde“ und „kranke“ Teile aufgeteilt werden können. Auf diese Weise kann zwischen „gesunden“ und „kranken“ Teilen des „Volkskörpers“ selektiert werden. Dieser Gedanke ist seit jeher Teil des deutschen Diskurses. Während des Nationalsozialismus war diese Idee gesetzlich legitimiert.
Doch auch vor und nach der Vernichtungsherrschaft waren und sind diese Theorien Grundlage deutscher Ideologie.

Die deutsche Ideologie
Diese entstand im 19. Jahrhundert als romantisches Gegenmodell und in scharfer Abgrenzung zu den Werten der Aufklärung. Der Kult um „Blut und Boden“, die Vorstellung eines „Volksgeistes“, das Ideal einer vollkommenen Verschmelzung von Staat, Nation und Gesellschaft, sowie ein besonders aggressiver, reaktionär-antikapitalistisch aufgeladener Antisemitismus sind, von Anfang an, für das Projekt einer deutschen Nation konstitutiv gewesen. Die hat sich immer als Opfer begriffen und zur Tat gezwungen gesehen.
Opfer deshalb, weil sie sich immer auf der Seite der Benachteiligten erblickt und sich fremden Mächten ausgeliefert fühlt – sei es gegenüber dem „Westen“, der Deutschland bei der kolonialen Aufteilung der Welt zuvorgekommen war, gegenüber der „jüdischen Weltverschwörung“, die angeblich sowohl für die kapitalistischen Krisen als auch für die ArbeiterInnenbewegung und Revolutionen verantwortlich sei oder der Konstruktion eines „anglo-amerikanischen Kulturimperialismus“, der für die Übel dieser Welt verantwortlich gemacht wird. Dies fand seinen höchsten Ausdruck in der Shoah und dem 2. Weltkrieg und wurde 1945 vorerst entscheidend nieder geworfen und diskreditiert. Trotz dieses Bruchs von 1945 lebt die deutsche Ideologie bis heute fort und erlebt nach der Implosion der Sowjetunion einen weiteren Aufschwung (2).

Von TäterInnen und Opfern.
Spätestens seit der Wiedervereinigung ist ein erneutes Erstarken des nationalen Stolzes nicht zu übersehen. Diese geht mit einem Bruch der Vergangenheit einher. Schließlich wird oftmals behauptet, dass die Bundesrepublik nichts mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu tun habe. Dabei werden die historischen Kontinuitäten verleugnet und die Geschichte umgeschrieben.
Die Deutschen werden zu Opfern eines verrückten „Führers“ gemacht. Doch dabei war es die deutsche TäterInnenschaft, die den systematischen Massenmord an Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Lesben und Schwulen, so genannten „Behinderten“, politischen GegnerInnen und vielen anderen Menschen, die nicht in die Ideologie der NationalsozialistInnen passten, erst ermöglichte.

Deutsche Mythen.
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurden diese Tatsachen verschwiegen. Stattdessen wurden die deutschen „Opfer“, die Nazis und TäterInnen waren, in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. In Oldenburg fndet sich beispielsweise der 1956 errichtete „Leobschützstein“, der den „unvergessenen deutschen Städten im Osten“ gedenkt. Dieser Stein befndet sich im Übrigen in direkter Nähe zur zerstörten Synagoge, an deren Stelle sich heute das Mahnmal für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus befndet. Die deutschen TäterInnen und die von ihnen ermordeten Jüdinnen und Juden werden auf diese Art und Weise auf eine Stufe gestellt.
Oftmals sind es sogar die TäterInnen, die in den alleinigen Fokus der Aufmerksamkeit gelangen.
Die Toten des alliierten Bombardements und die so genannten „Vertriebenen“ werden als die eigentlichen Opfer des Nationalsozialismus dargestellt. Dieser Opfermythos fndet sich selbstverständlich nicht nur in Oldenburg. Die Verdrehung derGeschichte gehört zur angeblichen „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland.

Der neue uralte Nationalstolz.
Da ist es kein Wunder, dass es wieder legitim erscheint, sich mit schwarz-rot-goldenen Utensilien zu schmücken und in der Masse auf zugehen. Dieser angeblich „fröhliche Nationalismus“, wäre ohne eine Geschichtsschreibung, die die
deutschen TäterInnen zu Opfern macht, nicht denkbar. Hinzu kommt, dass die bloße Existenz der Überlebenden der Shoa und ihres Staates, die Deutschen an ihre Vernichtungstaten erinnert. Ein positiver Bezug auf die eigene deutsche Nation
wird auf diese Weise erschwert. Deshalb sind die eigentlichen Opfer auch heute Gegenstand antisemitischer Projektionen beziehungsweise sekundär antisemitischer Schuldabwehr (3).
Das „erwachsene“ Deutschland fühlt sich von der historischen Schuld frei, da es ja seine Lektion gelernt habe und sich nicht mehr von „Auschwitzkeulen“ einschüchtern lasse.
1998 führte die damalige Bundesregierung sogar einen Angriffskrieg, um ein angebliches „Auschwitz“ im Kosovo zu verhindern. Die Singularität der Shoa wurde ausgeblendet und die Einmaligkeit des Verbrechens daher negiert.

Deutschland angreifen!
Die NationalsozialistInnen, in ihrer heutigen Prägung, versuchen diese Gegebenheiten zu nutzen. Sie gehen noch weiter als die hiesige Geschichtsschreibung, leugnen das systematische Morden ihrer VorgängerInnen und Vorfahren oder bejubeln es gar. All das ist nur möglich, weil der deutsche Normalzustand, die Grundlage für nationalsozialistische Propaganda bietet. Natürlich ist es wichtig und notwendig, den Nazis an dieser Stelle entgegenzutreten. Die Institutionen, die angetreten sind, die Nazis vor den notwendigen und legitimen antifaschistischen Protesten abzuschirmen, seien darauf hingewiesen, dass sie sich dadurch zum legitimen Ziel antifaschistischer Aktionen machen.
Eine radikale Kritik an den herrschenden Verhältnissen muss sich jedoch gegen Deutschland und all’ seine AnhängerInnen
richten. Nur die Abschaffung des deutschen Projektes, in all’ seinen Formen, entzieht den Fans der deutschen Nation die Möglichkeit zu agieren und ihr menschenverachtendes Weltbild in der Praxis auszuüben! Stattdessen wollen wir „alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist!“ (4).


Naziaufmärsche verhindern – immer und überall!

Lasst es krachen, lasst es knallen!
Deutschland in den Rücken fallen!

1) Theodor W. Adorno: „Erziehung zur Mündigkeit“, Seite 88.
2) Vgl.: Phase 2: http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=156&print=
3) ebd.
4) http://www.marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_e/emanzipation.html

Den Flyer könnt ihr hier als PDF herunterladen.