Gegen das Vergessen – Ein Versuch Erinnerungslücken im kollektiven Gedächtnis der deutschen Gesellschaft aufzuzeigen.
Anfang Mai 1945 wurde durch das militärische Eingreifen der Alliierten und ihrer Verbündeten der industriellen Massenvernichtung der Menschen, die nicht in das nationalsozialistische Weltbild passten (also Jüdinnen und Juden, Sinti, Roma, people of colour, Menschen mit Behinderungen, Homo/Transsexuelle, sogenannte Asoziale, Kommunist_innen, Anarchist_innen, Antifaschist_innen und weitere) ein Ende gesetzt. Auf welche historische Ideen von Volk und Nation dieses Weltbild sich bezieht, wie es im Nationalsozialismus hegemonial wurde und wie es auch danach kein Ende nahm, sondern weiter fortwirkt, diesen Fragen wollen wir mit dieser Veranstaltungsreihe nachgehen. Im Fokus der Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex steht der Antisemitismus als konstitutiver Bestandteil von Volk und Nation in Deutschland.

Vortrag: Jüdischer Widerstand und deutsche Gedenkkultur
Von Paul Mentz
Auch heute noch hält sich die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit jüdischem Widerstand in Grenzen. Der Großteil der Gedenkveranstaltungen wird bis heute von antifaschistisch orientierten Gruppen organisiert, doch auch selbsternannte Antifaschist_innen scheinen häufig davon getrieben zu werden, den jüdischen Widerstand für sich selbst zu reklamieren. Das eigentlich selbstverständliche, dass es sich z.B. bei den Kämpfern des Warschauer Ghettoaufstands um Jüdinnen und Juden handelte, die von einem zur Vernichtung drängenden Antisemitismus verfolgt wurden, kann in der deutschen Rezeption von jüdischem Widerstand nicht vorausgesetzt werden. In einem Land, in dem selbst das historische Ereignis der Niederlage von 1945 nicht zu einer grundlegenden Bewusstseinsveränderung geführt hat, droht die Gefahr, dass der jüdische Widerstand gegen die Deutschen unter jeglichen realen und halluzinierten Widerstand gegen den Nationalsozialismus subsumiert wird.
Sonntag // 9. Mai // 18 Uhr

Film: Er tanzte das Leben
Der Dokumentarfilm „Er tanzte das Leben“ porträtiert den jüdischen Tänzer Sylvin Rubinstein. Der Regisseur Kuno Kruse begleitete Sylvin auf einer Reise in die Vergangenheit: Im 2. Weltkrieg erlebt Sylvin als Widerstandskämpfer die brutalen Verhältnisse der Zeit. Seine Mutter und Schwester werden durch Nazis ermordet. Er überlebt und beginnt in den 50er Jahren eine Karriere als Flamencotänzerin. Zu Ehren seiner ermordeten Schwester nennt er sich Dolores.
Freitag // 14. Mai // 17 Uhr

Vortrag: Der Prozess gegen John Demjanjuk
Von Cordula Behrens und Klaus Thörner
Wer kennt die Vernichtungslager in Sobibor, Treblinka, Belzec und Maijdanek?
Warum klagen die Kinder der Opfer den 89 jährigen John Demjanjuk heute noch nach 67 Jahren an?
Wer erinnert sich an die Oldenburger Jüdinnen und Juden, die dorthin zur Vernichtung deportiert worden sind?

Die Sobibor-Prozesse der Sechziger und Siebziger Jahre fanden kaum Aufmerksamkeit. Dementsprechend waren die Gerichtssurteile gegenüber den deutschen NS-Männern, die in den Vernichtungslagern mordeten, milde. 4 Jahre Freiheitsentzug wegen einer Probevergasung an 30 jungen Jüdinnen hieß es für einen deutschen Sobibor-Mörder!
Und heute? Wie wird heute der Prozess gegen den ‚Trawniki-Mann‘ John alias Iwan Demjanjuk, der sich wegen Beihilfe zum Mord an 27900 europäischen Jüdinnen und Juden 1943 in Sobibor nun erst vor dem Münchner Gericht verantworten muss, geführt? Welche Aufmerksamkeit hat dieser Prozess in den deutschen Medien und der deutschen Öffentlichkeit? In meinem Vortrag will ich über die Gründe der Nebenankläger_innen und über die heutige Art und Weise eines deutschen Gerichts, einen Holocausttäter verfolgen und beurteilen zu müssen, reden.
Mittwoch // 26. Mai // 18 Uhr

Vortrag: Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Mit „deutscher Arbeit“ zur „Gesundung des Volkskörpers“
Von Andrea Woeldike
Eine kulturhistorische Auseinandersetzung der Entwicklung der Vorstellung einer spezifischen „deutschen Arbeit“, die sich von Beginn an, in antisemitischer Projektion, als Gegenteil einer „jüdischen Nicht –Arbeit“ begriff.
In dem Vortrag wird der Frage nachgegangen werden, wie sich die Vorstellung einer ‚ehrlichen’ ‚deutschen’ ‚werteschaffenden’ Arbeit, die vorgeblich nicht den allgemeinen kapitalistischen Prinzipien unterliege, im Gegensatz zu einer jüdisch gedachten ‚Nicht – Arbeit’, eines ‚jüdischen Lohnes ohne Arbeit’ entwickelte, bis hin zu der Imagination ‚die Juden’ stünden hinter dem Kapitalismus als solchen.
Vor diesem Hintergrund bekommt die nationalsozialistische Parole über den Vernichtungslagern: „Arbeit macht Frei“ eine neue Tragweite.
So wird zwar des öfteren die antisemitischen Vorstellungen von den Jüdinnen und Juden als “Schmarotzer” und “Parasiten” beschrieben, ohne dies jedoch ausreichend in Zusammenhang mit dem Heilsversprechen eines „utopischen deutschen nationalen Sozialismus“ zu stellen.
Deshalb wird in diesem Vortrag die Synthese der spezifischen Vorstellung von ‚deutscher Arbeit’ und einer Idee von Freiheit, die in Deutschland immer die Freiheit vom ‚Fremden‘, dem ‚Anderen’ meinte, im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.
Sonntag // 6. Juni // 18 Uhr

Alle Veranstaltungen finden im Alhambra in Oldenburg statt.

Allen Menschen soll ermöglicht werden, die Vorträge und den Film inhaltlich nach zu vollziehen und sich bei Bedarf an Diskussionen zu beteiligen. Daher sind keine speziellen Vorkenntnisse erforderlich.
Wir wünschen uns für die Veranstaltungen eine offene und respektvolle Diskussionskultur. Aggressives Redeverhalten, sexistische Ausfälle oder selbstgefälliges Dozieren sind ausdrücklich nicht erwünscht.

Einen ausführlichen Text über Herrschaftsverhältnisse auf Diskussionsverabstaltungen findet sich hier.